Russen- und Polenzeit 1945  

Wir waren endlich wieder zu Hause. Hoffnung kam auf. Vielleicht wird noch alles wieder gut. Wenn nur alle Russen abziehen würden.

Unsere Nachbarn, das ältere Ehepaar Hauer, hatten sich geweigert, mit auf den Treck zu gehen. Wir erfuhren nun, dass beide Eheleute tot seien. Der Mann sei noch vor Kriegsschluss gestorben und von den deutschen Soldaten auf dem Münsterberger Friedhof beerdigt worden. Frau Hauer fand man bei der Rückkehr vom Treck im ca. 200 m entfernten Haus vom Nowag Hermann tot auf. Sie war wohl dorthin geflüchtet.

An eine normale Beerdigung auf dem Weigelsdorfer Friedhof war zu dieser Zeit nicht zu denken. So hat sie ihre Nichte zusammen mit Nachbarn auf ihrem Grundstück vor dem an der Straße gelegenen großen Kreuz begraben.

Nach und nach waren die Bewohner vom Treck zurückgekehrt.

Im Schloss zu Oberkunzendorf befand sich inzwischen die russische Kommandatur für Oberkunzendorf. Eventuelle Überfälle sollten wir dort melden.

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Unser Bienenhaus hatte Onkel Franz zusammen mit seinem Sohn (beide waren Zimmermannsleute aus Bärdorf) gebaut. Es war aus Holz mit Holzdielenboden und rückseitig 2 Fenstern sowie 1 Lüftungsfenster versehen. Auch eine Werkbank stand darin zur Verfügung. - Meine Mutter hat einige Male im Bienenhaus übernachtet, als sie wieder mit dem Fahrrad von Tarnau bei Frankenstein nach Oberkunzendorf gefahren ist.

Über den 35 Bienenstöcken war folgende Inschrift als Laubsägearbeit angebracht, die mein Bruder angefertigt hatte. Ein kleineres Bienenhaus stand dicht am Wohnhaus mit 10 Völkern.

Das große Bienenhaus, allerdings ohne Bienenstöcke, haben meine Neffen bei einem Besuch im Jahr 2009 noch sehen können. Die Vorderfront war mit Brettern vernagelt.

Bei jedem Haus ein Bienenstand - ein Segen für das Heimatland

Nachdem Herr Lukasik verstorben war, konnte niemand die Bienen und den großen Garten versorgen.
Frau Lukasik zog zu ihrer Tochter nach Hirschberg.

 

 

Bienenhaus – Haltesignal für russische Militärkolonnen

Des öfteren zogen russische Militärkolonnen, motorisiert oder mit Pferdewagen, durch unseren Ort,. Sobald sie das Bienenhaus in unserem Garten sahen, hieß es plötzlich „stoy“ = „anhalten!“. Schon kamen die ersten Soldaten in unser Haus und verlangten Honig. Wenn wir nicht genügend Einkochgläser vorrätig hatten, schwärmten sie in die Nachbarschaft aus und holten sich dort die gewünschten Gläser. Was sollten wir machen? Wir mussten froh sein, wenn sie nach kurzem Aufenthalt mit dem erbeuteten Honig weiterfuhren.

So erging es uns des öfteren. Manchmal fingen sie noch 2 Hühner im Hof ein. Da half kein Jammern und kein Wehklagen.

Abends bis 22 Uhr durften die Haustüren nicht verschlossen werden. Da konnte ein- und ausgehen, wer wollte. Meistens waren es Plünderer. Sie durchsuchten das Haus und alle Schränke und nahmen mit, was ihnen gefiel.

Schlimme Übergriffe durch russische Soldaten

Abends kurz vor 10 Uhr stürmten plötzlich russische Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett in unser Haus. Vater musste sofort das Hoflicht wieder löschen. Ich sprang schnell aus dem Fenster in den Garten und versteckte mich.

Als ich merkte, dass es in unserem Haus ruhiger wurde, schlich ich mich ans Fenster. Meine Mutter hielt schon Ausschau, wo ich geblieben war. Sie beorderte mich sofort wieder ins Haus.  – Die russischen Soldaten blieben die ganze Nacht in unserer Wohnküche. Wir sollten alle schlafen gehen!

Wir hatten große Angst.

Erst gegen Morgen stürmten die russischen Soldaten davon. Wie wir später hörten, haben sie anschließend die Nachbarhäuser umstellt und dann durchsucht. Angeblich hätten sie nach versteckten deutschen Wehrmachtsangehörigen gesucht.

Manchmal kamen auch russische Soldaten aus der Stadt Münsterberg. Sie erkundeten bei Tag, was sie nachts holen könnten.
So habe ich es bei unseren Nachbarn (einem älteren Ehepaar) erlebt. Am Nachmittag kamen zwei berittene russische Soldaten zu ihrem Haus. Sie verlangten nur etwas zu trinken.. Wir waren heilfroh, als sie dann wieder friedlich abzogen.

In der folgenden Nacht hörten wir Fensterscheiben klirren und ahnten Böses!
Am nächsten Morgen hörten wir, was sich nachts zugetragen hat. Uns bot sich ein Bild der Verwüstung. Die Eheleute waren am Ende ihrer Kräfte.
Die selben Russen vom Vortag hatten in der Nacht Einlass verlangt. Sie schlugen auch gleich Fensterscheiben ein. Dann sperrten sie das Ehepaar in getrennten Zimmern ein und schlugen und misshandelten sie. Dann schlitzten sie Federbetten auf und durchsuchten alles nach Brauchbarem. Mit Beute verließen sie nach langer Zeit das Haus.

Am übernächsten Abend kamen wieder zwei berittene Russen und stürmten in unser Haus. Ich erkannte sie sogleich als die beiden Russen, die vorher bei unseren Nachbarn waren. Gott sei Dank war Onkel Franz anwesend. Er sprach die beiden in russischer Sprache an. Sie waren sehr überrascht, gingen mit in die Wohnküche, und es ergab sich eine längere Unterhaltung zwischen den Russen und Onkel Franz und meinen Eltern. Im Atlas suchten wir ihre Heimatorte. So wurden sie von ihrem Vorhaben abgelenkt. Zuletzt verabschiedeten sie sich höflich und verschwanden. – Gerettet hat uns Onkel Franz mit seinen Russischkenntnissen aus dem ersten Weltkrieg.

Onkel Franz stammte aus Bechau bei Neisse / Oberschlesien.
Die Polen hatten ihn und seine Familie ganz plötzlich bereits im Sommer 1945 vertrieben. Onkel Franz war früh auf der Wiese, um Futter für das Vieh zu holen. Da sei eines seiner Kinder zu ihm gelaufen gekommen: „Papa, komm schnell nach Hause, wir müssen fort!“ Er selbst durfte nicht mal mehr in sein Haus und musste mit seiner dünnen Arbeitsjacke zum Sammelplatz.
Zwei seiner großen Kinder mussten bei den Polen zur Arbeit zurückbleiben.

Sehr viele Menschen wurden dann jeweils in einen Güterwagen eingepfercht. Die Fahrt ging ins Ungewisse. Der Zug blieb immer wieder stehen, oft stundenlang.
An einem schönen warmen Tag legte sich Onkel Franz auf eine Wiese neben den Geleisen und schlief ein. Ein schriller Pfiff weckte ihn, aber da war es schon zu spät. Er sah nur noch die Schlusslichter des Zuges. Was tun? Guter Rat war teuer!

Daraufhin ging Onkel Franz zu Fuß nach Bechau zurück. Er wollte seine beiden zurückgehaltenen Kinder (Jugendliche) Liesel und Franz nachholen.
Leider gelang es ihm nur, seine Tochter Liesel mitzunehmen. Sein Sohn Franz musste weiter bei den Polen in der Schmiede arbeiten und durfte nicht fort.

So ging Onkel Franz mit seiner Tochter von Dorf zu Dorf und versuchte, irgendwo unterzukommen. Das war nicht leicht, denn die Häuser und Höfe waren fast schon überall mit Polen besetzt. Sie waren nun die Herren und hatten zu bestimmen!
So kam Onkel Franz über Weigelsdorf bis nach Kunzendorf (ca. 30 km von Bechau entfernt).
Unser Haus wurde im November 1945 mit Polen besetzt. Die polnische Familie Lukasik hat ihn aber geduldet. Wir waren alle froh darüber.

Die Frau von Onkel Franz mit fünf Kindern landete schließlich in der Nähe von Frankfurt/Oder. Im Herbst 1946 fand Onkel Franz seine Familie dort wieder. 

Eine Kuh nachts aus dem Stall unserer Nachbarn geholt

Unseren Nachbarn haben die Russen nachts eine Kuh aus dem Stall weggetrieben. Ein Eingreifen war unmöglich. Da hätte jeder Deutsche sein Leben riskiert.

Wir suchten nach einer Möglichkeit, unsere Haustür und unsere Stalltür zu verbarrikadieren.

Mit einem Holzbalken, der seitlich in der Mauer gehalten wurde, erschwerten wir einen Überfall. Vom Kellergewölbe aus machten wir einen schmalen Durchbruch zum Kuhstall. Durch diesen Durchbruch musste ich jeden Abend kriechen und den dicken Stamm in die Wand einschieben. – So haben wir unsere Kühe gerettet! Hermann Nowag half uns beim Durchbruch und bei der „Barrikade“.

Nachbar Hermann Nowag in seinem Haus nachts überfallen und halb totgeschlagen

(Text folgt)

Uhren und Schmuck als Beute

Uhren und Ehe-Ringe nahmen sie als Beute. Unsere Bekannten fanden einmal am Rande eines Kleefeldes mehrere Armbanduhren. Sie mussten nur aufgezogen werden und waren dann wieder in Ordnung. Weil die Uhren nicht mehr „tickten“, wurden sie einfach weggeworfen und dafür dann neue „beschafft“!

Typhus brach aus

In Niederkunzendorf wurden die ersten Typhusfälle bekannt. Am schlimmsten traf es wohl meine Schulfreundin Christa R. Es traf sie und auch ihre Mutter. Ärztliche Hilfe gab es nur, wenn überhaupt, dann in Münsterberg. Nur es fehlte auch die Medizin. Die schwer Erkrankten mit hohem Fieber konnten nicht mit einem Pferdefuhrwerk transportiert werden.

Die einzige Hilfe für die Schwerkranken war Schwester Eustella von den „Weigelsdorfer Schwestern“. Sie kümmerte sich um die Kranken, obwohl die Ansteckungsgefahr sehr groß war. Ihr gebührt ganz großer Dank von der ganzen Pfarrgemeinde.

Den Erkrankten fielen die Haare aus, die - Gott sei Dank – wieder nachwuchsen. Die Mutter von Christa hat die Krankheit nicht überlebt. Ihr Vater war noch irgendwo verschollen, vielleicht in Kriegsgefangenschaft. Die Tante, die im gleichen Haus wohnte, nahm sich der beiden Kinder (Christa und ihres kleineren Bruders) an. Sie beschützte sie, auch bei und nach der Vertreibung, bis endlich der Vater der Kinder zurückkehrte.

 


 

 

 

 

 

 

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