Vertreibung  1946                                              


   

                                  

    Bahnhof Hilter T.W.             

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bahnhof Hilter T.W.,  Kreis  Osnabrück

 

                         Gedenkstein am Balhnhof in Hilter T.W.

 


 

Vertreibung aus dem Kirchspiel Weigelsdorf   

          bei Münsterberg / Schlesien 

  • Erster Transport vom 18. April 1946 kam in den Raum Osnabrück

  • Zweiter Transport im Spätsommer nach der Ernte 1946 nach Braunschweig und Seesen/Harz und Umgebung

  • Dritter Transport (nur noch wenige aus unserem Kirchspiel) in die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands,  der späteren DDR

 

Erster Transport - Die Vertreibung am Gründonnerstag, 18. April 1946   

Schon lange wurde im Ort gemunkelt, dass wir aus unserer Heimat fort müssen. Keiner wollte oder konnte es glauben. 

Am 12. April 1946 konnten meine Eltern ihre Silberhochzeit noch in der Heimat feiern, allerdings unter sehr bescheidenen Verhältnissen.

Unser deutsches Geld war wertlos. Nur wer Zloty hatte, konnte etwas kaufen. Hungern mussten wir zwar nicht, hatten wir doch noch unsere Kühe, die uns mit Milch versorgten.

Was uns in der Küche fehlte, waren z. B. Salz, Essig, Backpulver usw.
Meine Mutter hatte ein Rezept gefunden, mit welchem man Essig herstellen konnte.

Sie versuchte, Essig mit Hilfe von Honig herzustellen. Bevor aber aus Honig, Wasser und Gärung Essig wurde, dauerte es eine längere Zeit. Wir probierten wieder einmal den Fortgang in der Gärflasche und siehe da, wir konnten Wein kosten. Dieser Wein schmeckte uns dann auch bei der kleinen Silberhochzeitsfeier. Unser Hauptlehrer und Kantor, Herr Kosauke, kam nachmittags zum Gratulieren. Bei ihm hatte ich inzwischen auch wieder mit dem Klavierunterricht begonnen. Er schlug ein vierhändiges Klavierstück auf und er spielte mit mir zusammen zum Ehrentag meiner Eltern dieses Stück.  

Eine knappe Woche später, am 18. April 1946, brach für uns die Leidenszeit der Vertreibung herein. Wir waren einen Tag vorher von einer polnischen Kommission davon unterrichtet worden.

Früh um 6 Uhr mussten wir mit Handgepäck und Verpflegung für 14 Tage vor unserem Haus auf der Straße stehen. Vater ging noch mal kurz ins Haus. Er hatte noch die große Schneiderschere und einen Handspiegel in seine Jacke gesteckt. In den Kuhstall konnten meine Eltern nicht mehr reinschauen, das Herz wäre Ihnen zu schwer geworden.

Dann ging die polnische Kommission durch das Haus und notierte zurückbleibende Wertgegenstände wie Nähmaschinen, Klavier usw.

Die Oberkunzendorfer mussten sich dann beim Gasthof Grottker sammeln. Dort stießen die Niederkunzendorfer und Weigelsdorfer dazu.

Gepäckstücke wurden auf mehrere Pferdefuhrwerke verladen, aber nicht alles Gepäck hatte Platz. Wir hingen unseren Handwagen hinten an einen Pferdewagen an. Nur ein paar ganz alte Leute durften oben auf dem Pferdewagen aufsitzen.  

Die polnische Miliz, mit Knüppeln und Gewehren bewaffnet, trieb uns zu Fuß über Münsterberg bis in die 20 km entfernte Kreisstadt Frankenstein. Dort wurden wir in ein Gebäude, das zum Gasthaus „Zum Elefanten“ gehörte, gepfercht und am nächsten Tag kontrolliert und beraubt. Es gingen Polen von Raum zu Raum, nahmen uns die Sparbücher, Schmuck und manches andere liebgewordene Stück, das uns noch geblieben war, ab.

Am späten Nachmittag ging es dann von dem Notlager zu Fuß zum Bahnhof Frankenstein. Dort wurden wir in Viehwaggons verladen. Am Abend fuhr der Zug ab ins Ungewisse. Wir bangten alle: Wohin? – Nach Ost oder West?

Der Elendszug fuhr bis Kohlfurt. Dort wurden wir mit viel DDT-Pulver, das uns in alle Kleideröffnungen und auch in die Haare geblasen wurde, entlaust.

Manchmal hielt der Zug für längere Zeit auf freier Strecke. Wir holten uns bei der Lokomotive Wasser, sammelten alte Äste und kochten auf dem Bahndamm auf einem selbst gebastelten primitiven Drahtgestell Tee oder auch mal eine Suppe.

Wir mussten alles über uns ergehen lassen. Nur eine große Sorge hatten alle, dass wir eventuell nach Sibirien geschafft würden. Die Fahrt ging mit immer wiederkehrenden Unterbrechungen weiter. Endlich konnten wir dann den Bahnhofschildern entnehmen, dass es nach Westen ging. Da kam Hoffnung auf.

Der Zug fuhr durch die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands bis in das Lager Mariental, eine leerstehende Flugzeughalle, in der Nähe von Helmstedt, in der englisch besetzten Zone Deutschlands. Hier übernachteten wir, bekamen die erste warme Mahlzeit und wurden für die Weiterfahrt registriert.

Am nächsten Tag konnten wir mit einem Personenzug weiterfahren. Es ging über Braunschweig, Hannover, Osnabrück bis nach Hilter/TeutoburgerWald.
Ankunftstag (nach einer vollen Woche Bahnfahrt) war der 25. April 1946, an Mutters und meinem Geburtstag. Jedes Jahr wird an diesem Tag bei mir ganz stark die Erinnerung an die Vertreibung aus meiner Heimat und Ankunft in Westdeutschland wach. 

In Hilter/Teutoburger Wald fanden wir vorerst Unterkunft im Kalkofen einer stillgelegten Ziegelei. Wir schliefen auf dem strohbedecktem Boden.
Hier verstarb Herr Hofmann (Hofmann-Gut, Niederkunzendorf). 

In den nächsten Tagen wurden wir auf folgende Orte im Osnabrücker Land verteilt: Hilter, Nolle, Glandorf, Schwege, Pye ,Wallenhorst und Icker.

Meine Eltern, ich und einige andere Familien konnten in Hilter bleiben und kamen erst einmal in das Gefolgschaftshaus der Firma Rau (Margarinewerk). Von dort wurden wir dann von einem Bauern mit Pferd und Wagen abgeholt und zu ihm auf den Bauernhof in Natrup-Hilter gebracht.

Dort wies man uns eine ehemalige Futterkammer als Unterkunft zu. Darin befanden sich 2 alte Bettstellen, 1 kleiner Schrank und 1 Stuhl und sonst nichts, kein Tisch, kein Herd oder Ofen, rein gar nichts. Zwischen den 2 Bettstellen lag nur ein schmaler Gang. Es konnte immer nur eine Person nach der anderen aufstehen, weil nicht genug Platz für alle drei war.
Vater wurde in dem kalten Raum krank, bekam am Bein eine schmerzhafte Nervenentzündung. Wie sollte das nur weitergehen?

In den nächsten Tagen ging ich nach Hilter zur Schule. Für meine schriftlichen Hausaufgaben musste ich mich vor unserem einzigen Stuhl hinknien, um meine Arbeiten zu erledigen. Es war alles sehr trostlos.  

Von  meinem Bruder, der bei der Wehrmacht als Flugzeugführer auf einem Fliegerhorst in Flensburg/Schleswig-Hostein eingesetzt war, hatten wir nur über Verwandte aus Stralsund etwas gehört, dass er kurz vor Kriegsschluss bei ihnen vorbeigekommen sei, um ihnen mitzuteilen, dass er nach Berlin zum Erdeinsatz kommt. Ob er wohl noch lebt?
Erst im Spätsommer des Jahres 1946 hörten wir, dass mein Bruder eine Karte aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Oberkunzendorf geschickt habe. Wir waren zu dieser Zeit aber schon vertrieben worden. Die Post von Münsterberg in unseren Heimatort beförderte damals der Milchfahrer Ruprecht aus Oberkunzendorf. – Eine Bekannte von uns nahm diese Karte an sich und antwortete ihm, dass wir vertrieben wurden und jetzt im Westen gelandet sind. Als auch sie mit dem zweiten Transport vertrieben wurde und nach Braunschweig kam, erfuhren wir etwas mehr von meinem Bruder. – Aus der russischen Kriegsgefangenschaft kam er erst im April 1949 zurück.

Zu dieser Zeit hatten wir bei Familie Hünemeyer in Hilter-Stapelheide ein schönes Zimmer und einen Abstellraum bekommen. Es waren sehr nette Leute. Bei ihnen fühlten wir uns endlich wohl.

Im Jahr 1957 konnten mein Bruder mit Familie zusammen mit meinen Eltern in Dissen T.W. ein Haus bauen. Nur durch viel Eigenleistung, familiären und nachbarschaftlichen Zusammenhalt, wurde das Haus fertig.  

 

Zweiter Vertriebenentransport

Der 2. Transport mit Kunzen- und Weigelsdorfern wurde nach der Ernte 1946 zusammengestellt. Sie kamen nach Braunschweig und Seesen/Harz und Umgebung. Mit ihnen wurde auch unser Pfarrer Erzpriester Gloger vertrieben.  

Dritter Vertriebenentransport

Der 3. Transport (mit nur wenigen Kunzendorfern und Weigelsdorfern) kam in die sowjetisch besetze Zone Deutschlands, der späteren DDR. Näheres weiß ich leider nicht. 

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